Geschichte des Hohlohturms

Wandert oder fährt man von Gernsbach im Murgtal in Richtung Enzklösterle und Bad Wildbad, so gelangt man über das Gebiet des Hohlohs und des Ski- und Wandergebiets Kaltenbronn zu dem schon von weithin sichtbaren Kaiser-Wilhelm-Turm in fast eintausend Meter Höhe.

Dieser Turm, anfangs noch nicht so hoch wie der heutige, ist im Jahre 2010 nach langen und schwierigen Verhandlungen mit den staatlichen Behörden, allen voran mit der Forstverwaltung Baden-Württemberg (ForstBW) nach 113 Jahren seines Bestehens nun endlich auch juristisch zur Nutzung freigegeben, obwohl faktisch nie ein Zweifel daran bestanden hat, dass er von der Ortsgruppe Gernsbach gebaut, unterhalten und für die Wanderer und Besucher freigegeben war.

Seit dem 21. Oktober 2010 ist zwischen der Ortsgruppe Gernsbach des Schwarzwaldvereins, dem ForstBW und mit der Zustimmung des Regierungspräsidiums Freiburg ein Gestattungsvertrag zustande gekommen, der alle Rechte und Pflichten des Landes Baden-Württemberg als Grundstückseigentümer und dem Verein als Betreiber und als Nutzer regelt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Vertrag für alle künftigen Regelungen mit Betreibern der vielen Aussichtstürme Mustercharakter hat. Gewiss hat dies auch die mehr als zweijährigen Verhandlungen der Ortsgruppe mit den Behörden bestimmt.

Es lohnt sich, einmal auf die lange Geschichte der Entstehung dieses berühmten Turmes zurückzublicken:

Die Geschichte des Hohlohturmes reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Der heutige, steinerne Turm hatte bereits einen Vorgänger in Form eines hölzernen, ringsum verschalten Gerüsts, das im Jahre 1856 errichtet wurde. Er war nur 15 Meter hoch und genügte den damaligen Anforderungen für eine umfassende Fernsicht vollauf, denn der Wald war in jener Zeit niedrig und die hölzerne Aussichtsplattform erlaubte den Blick in die Ferne. Er verdankte seine Entstehung den Anregungen von Oberförster Bachmann.

Die damaligen Verhältnisse darf man nicht mit den heutigen vergleichen, denn eine Wanderung vom Tal auf den Hohloh war vor mehr als 100 Jahren noch ein kleines Abenteuer. Wohl gab es Verbindungen aus dem Murgtal ins Enztal, denn die Passstraße hatte schon von Alters her strategische Bedeutung. Reit- und Kutschwege ermöglichten den großherzoglichen Jagdgästen die Zufahrt zum Kaltenbronn. Schmale Trampelpfade und Pirschwege durchzogen die weiten und urigen Wälder, ausreichend für Jäger und Forstleute. Ansonsten zogen Karrenwagen über die steilen Hänge hinauf und Frauen aus Enzklösterle kamen über diese Wege auf den Markt nach Gernsbach, um ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse anzubieten.

Wegebezeichnungen wie „Alte Gernsbacher Steige“ und „Alter Schwabenweg“, die über die Hohlohfläche führten, deuten noch heute auf diese Verbindungen hin. Die „Alte Weinstraße“ war über Jahrhunderte der Verbindungsweg von Gernsbach in das hintere Murgtal. Lange Zeit waren die Hochflächen des Kaltenbronn Weidegebiet. Die Bauern aus dem Rheintal einerseits und aus dem Kirchspiel Altensteig andererseits trieben ihr Jungvieh auf die Höhen der Sommerweide. Das Kaltenbronner Gebiet war also schon immer ein Kreuzungspunkt von Wegen und daher auch im Blickpunkt des beginnenden Fremdenverkehrs aus Baden-Baden, Bad Herrenalb und Bad Wildbad.

Zurück zum Turmbau:

Die Baukosten des genannten Holzgerüsts betrugen 657 Gulden, damals eine stattliche Summe. Die Erhaltung des Holzturmes auf dem niederschlagsreichen Bergrücken des Hohloh erwies sich als sehr kostspielig, denn immer wieder gab es Reparaturen. Bis zum Jahre 1893 waren die Kosten auf 1680 Reichsmark angewachsen. Im Jahre 1894 musste man das Gerüst mit Tafeln versehen, die vor dem Besteigen warnten, denn es war morsch und baufällig. Ein Jahr später wurde der hölzerne Turm abgerissen und damit das erste Kapitel der Turmgeschichte geschlossen. Nur der Küfer konnte aus den eichenen Strebepfeilern noch Fässer machen, weil sich die Hölzer im moorigen Grund noch gut erhalten hatten.

Inzwischen waren in Gernsbach Dinge geschehen, die für die Stadtentwicklung und damit zusammenhängend auch für den Hohlohturm nicht ganz ohne Einfluss waren. Im Jahre 1873 wurde das Kurkomitee gegründet – Vorläufer des heutigen Verkehrsvereins- und was für uns von Wichtigkeit ist: Es entstand die „Sektion des damaligen Badischen Schwarzwaldvereins“ im Jahre 1874. Damit gehört die Gernsbacher Ortsgruppe mit zu den ältesten Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins überhaupt und konnte im Jahr 2014 ihr 140-jähriges Jubiläum feiern. Geburtstag der Ortsgruppe war der 19. Mai 1874.

Die Markierung von Spazier- und Wanderwegen war schon damals eine der Hauptaufgaben des Vereins und ist es bis heute auf einer Gesamtlänge von 350 Kilometern geblieben. Wie heute wurden schon damals die Vorhaben von der städtischen Verwaltung unterstützt. Der Fremdenverkehr begann sich mehr und mehr zu entwickeln, und der Schwarzwaldverein dachte daran, auf dem Hohloh wieder einen Aussichtsturm zu errichten, denn in den letzten zehn Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden überall im Schwarzwald rund dreißig Aussichtstürme.

Bereits aus dem Jahresbericht des Schwarzwaldvereins von 1894 geht hervor, dass die Sektion Gernsbach Vorarbeiten zum Neubau eines steinernen Turmes in Angriff nehme. 1895 schuf man die rechtlichen Voraussetzungen, indem der „Großherzliche Domänenärar, vertreten durch den Großherzoglichen Oberförster Dr. Ebert“ und die gegründete „Kommission zur Erbauung eines Aussichtsturmes auf dem Hohloh“ einen Vertrag über die Errichtung dieses Turmes schlossen. Dieser Vertrag regelte die Überlassung der Baumaterialien bis hin zum Gerüstholz. 1897 war es dann soweit: Die Bauzeit des Turmes dauerte von Mai bis August. Damals war es nicht einfach, eine Firma zu finden, die die Bauausführung in der Abgelegenheit des Hohlohrückens übernehmen sollte. Maurermeister Katzenberger aus Eisental hatte bereits den Turm auf der Badener Höhe erstellt und verfügte über die Erfahrung, nun auch den Hohlohturm zu errichten.

Es herrschte reges Treiben auf dem lang gezogenen Höhenrücken. Zur Unterbringung der 22 Bauarbeiter wurden eigene Wohnbaracken errichtet, die Verpflegung der Männer musste aus dem Tal heraufgeschafft werden, denn damals war es nicht möglich, nach der Arbeit schnell mal heimzufahren.

Der Turm wurde aus Sandstein errichtet, rund 350 Kubikmeter Material waren hierzu notwendig. Die Steine wurden im Umkreis der Baustelle gewonnen und gebrochen. Das zum Bau notwendige Wasser wurde dem Hohlohsee entnommen und mit Fuhrwerken transportiert. Insgesamt wurden 85 Kubikmeter Sand, 350 Zentner Zement und Schwarzkalk benötigt. Der Turm wurde konisch errichtet: Der untere Durchmesser misst 4,40 Meter bei 90 Zentimetern Mauerstärke, der obere Teil war 3,90 Meter breit bei einer Mauerstärke von 65 Zentimetern. Am Bauende betrug die Gesamthöhe des Turmes 22,20 Meter.

Stand man auf seiner Plattform, so war man 1010 Meter über dem Meeresspiegel und zugleich auf dem höchsten Punkt im nördlichen Schwarzwald östlich des Murgtals.

Der Kostenaufwand betrug damals rund 11.000 Reichsmark. Das war für die knapp einhundert Mitglieder des Schwarzwaldvereins von Gernsbach eine beachtliche Summe. Hilfe kam jedoch von vielen Seiten: Von den Schwarzwaldvereins-Sektionen Baden-Baden und Pforzheim, von Neuenbürg, von der Bad- und Stadtkasse Herrenalb und von der Großherzoglichen Domänendirektion.

Als Krönung des fertiggestellten Turms wurden über dem Eingang das badische und das württembergische Wappen angebracht. Der Reichsadler und die Inschrift „Kaiser-Wilhelm-Turm“ ergänzten das Werk. Die damaligen Vereinsvorstände des Schwarzwaldvereins schlugen diesen Namen vor, da der Kaiser fast jährlich zur Auerhahnjagd auf die Hohlohhöhen kam - heute wäre diese Art der Jagd undenkbar…-

Zitat aus dem Einladungsschreiben:

„….Eine erhöhte Wichtigkeit erreicht dasselbe dadurch, dass auf Höchsten Vorschlag unseres Protectors, Sr. Königlichen Hoheit unseres Großherzogs der Thurm den Namen Kaiser-Wilhelm-Turm führen wird, nachdem die erbetene Allerhöchste Genehmigung von seiner Majestät dem Kaiser erteilt worden ist“.

Am 18. und 19. September 1897 fanden die Einweihungsfeierlichkeiten statt. Scharen von Wanderern aus dem Murgtal und dem Enztal stiegen die damals 122 Stufen zur Plattform hinauf, um die Aussicht zu bewundern. Der Wald war damals noch niedrig, die direkte Einsicht in die Täler noch ungeschmälert.

Durch den Ersten Weltkrieg wurde es still um den Turm. Erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war wieder ein reger Besucherandrang zu bemerken. Vereine und Schulklassen machten sich auf, um am Turm zu rasten; die Zeigt der „Wandervögel“ begann. Eine reiche und ursprüngliche Natur mit seinen Mooren und Seen sind eine Besonderheit in dieser Region, die es wert ist, auch und besonders heute noch zu besuchen und zu bestaunen.

Nach siebzig Jahren musste das Bauwerk einer gründlichen Sanierung unterzogen werden. Der Zahn der Zeit hatte am Mauerwerk genagt und deutliche Spuren hinterlassen. Außerdem war eine Erhöhung dringend notwendig, denn der inzwischen höher gewachsene Wald versperrte die Aussicht. Darum wurde eine Erhöhung geplant und verwirklicht. Der Schwarzwaldverein Gernsbach holte ein Gutachten ein, das im Voranschlag 35.000 DM Baukosten vorsah. Der Hauptverein sagte ein Darlehen zu und die Stadt Gernsbach übernahm die Bürgschaft für die aufzunehmenden Gelder. Mit der zusätzlichen organisierten Baustein-Spendenaktion konnte mit dem Bau begonnen werden. Eine gewaltige Aufgabe für die Vereinsrechnerin Margarete Rothenbusch, die diese Mammutarbeit des Geldeintreibens und der Schuldentilgung bewältigte und der dafür nachträglich Dank gebührt.

Mitglieder des Vereins erinnern sich noch gut an die Arbeitsstelle in mitten des hoch gewachsenen Waldes in einem kalten Frühjahr und in einem verregneten Sommer 1968. Zur Verwendung kamen 58 Kubikmeter Fertigbeton, welche direkt zur Baustelle gefahren wurden. 15.307 Kilogramm Eisen wurden verbaut und zur äußeren Verschalung mit Sandstein 80 Kubikmeter Steine neu zugerichtet und vermauert. Im Innern des Turms mussten 36 neue Treppenstufen in Stahlbetonausführung gebaut werden. Die Gesamtzahl der Stufen vom Eingang bis zur Plattform beträgt nunmehr 158, wobei die neue Turmgesamthöhe jetzt 28,60 Meter misst.

So mancher Forstmann denkt noch mit Schrecken an den Februar 1990 zurück. Plötzlich war alles ganz anders: Sturm Vivian fegte mit höchsten Windgeschwindigkeiten über die Höhen des Schwarzwaldes: Baumstämme brachen, die Wälder boten einen verheerenden Anblick. Doch der nachfolgende Sturm Wiebke übertraf noch diese Verwüstunggen: Mit ungeheurer Wucht traf er aus gleicher Richtung kommend auf die bereits heimgesuchten Gebiete: Die Stämme wurden entwurzelt und brachen wie Streichhölzer. Gleiches geschah, nun zum dritten Mal, mit heftigen Verwüstungen der Wälder im Nordschwarzwald durch den Orkan Lothar am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1999, der tiefe Schneisen in den Waldlandschaften des Schwarzwaldes hinterließ. Der Zugang zum Hohlohturm war 1990 in Folge des Sturmes Vivian durch einen bis zu drei Meter hohen Baumberg versperrt. Nach den Aufräumarbeiten wurde ein völlig neues Umfeld geschaffen. Seit 1990 und 1999 steht er wieder: Weithin aus den Tälern und in den Höhen sichtbar auf dem Hohlohrücken.

Er ist ein weithin sichtbares Zeichen aus einer vergangenen Epoche, die uns nach all den Unwettern einen weiten Fernblick ermöglicht.

Für den Schwarzwaldverein, gerade für die Ortsgruppe Gernsbach, ist der Turm eine historische Verpflichtung, die uns von unseren Vorfahren übergeben wurde und die uns am Herzen liegt. Und wenn da überschlaue Beamte meinten, der Turm gehöre, juristisch gesehen, nicht dem Verein, weil er auf Landesgrund stehe, so hat ein gütlich geschlossener Vertrag zwischen dem Land und der Ortsgruppe Gernsbach des Schwarzwaldvereins Frieden in die Diskussion um die Eigentums- und Besitzrechte gebracht.

Mögen sich doch Zweifler das soeben Geschriebene zur Gemüte führen.

Unser Hohlohturm war und bleibt, was er ist: Ein Erlebnis für Wanderer, Entdecker und Ruhe Suchende in der bei ihm stehenden Schutzhütte, die von einem großzügigen Wanderfreund gespendet wurde.

Alle Mitglieder, Wanderer und Gäste seien recht herzlich eingeladen, unseren Turm und das Hochmoorgebiet zu erwandern. Und wenn Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, dann bitten wir Sie um eine kleine Spende am Turm oder bei unserer Ortsgruppe oder, besser noch: Werden Sie einer von uns, werden Sie Mitglied beim Schwarzwaldverein Gernsbach.

Richard Herzig
1. Vorsitzender